Ein Familienmitglied hatte einen Schlaganfall – was jetzt?

Ein Familienmitglied hatte einen Schlaganfall – was jetzt?

Ein ganz gewöhnlicher Abend – gemeinsames Essen, ein Gespräch über Alltägliches – und plötzlich verändert sich alles.

Der Mundwinkel hängt leicht, die Hand greift ins Leere, der Blick wirkt leer. Wenige Minuten später sitzt man in der Ambulanz, umgeben von medizinischen Stimmen – und die Welt steht auf dem Kopf.

Nun ist der erste Schock vorbei. Ihre geliebte Person ist im Spital, vielleicht bereits für die Rehabilitation eingeplant. Doch während die Behandlung beginnt, tauchen neue Fragen auf: Wie geht es weiter? Was passiert als Nächstes?

Dieser Artikel soll Ihnen helfen, den Heilungs- und Anpassungsprozess so klar und reibungslos wie möglich zu gestalten – von den ersten medizinischen Schritten bis zu den praktischen Herausforderungen im Alltag.

Begriffe rund um den Schlaganfall – einfach erklärt

In der Schweiz werden mehrere Begriffe verwendet, die oft verwechselt werden. Hier die wichtigsten:

Hirnschlag
– Fachbegriff: Schlaganfall
– Plötzliche Unterbrechung der Durchblutung im Gehirn – durch ein verstopftes oder geplatztes Gefäss.
– Der gebräuchlichste Begriff in der Schweiz, umfasst alle Formen.

Streifung
– Fachbegriff: Transitorische ischämische Attacke (TIA)
– Kurzzeitige Blockade eines Hirngefässes, die sich innerhalb von 24 Stunden zurückbildet.
– Eine „leichte“ oder „vorübergehende“ Form – oft ein Warnsignal für einen grösseren Schlaganfall.

Hirnblutung
– Fachbegriff: Hämorrhagischer Schlaganfall
– Ein Gefäss im Gehirn platzt, Blut tritt ins Gewebe aus und drückt auf umliegende Strukturen.
– Gilt als schwerere Form, da Druck und Entzündung das Hirngewebe zusätzlich schädigen.

Kurz gesagt:
Ein Hirnschlag ist der Oberbegriff.
Eine Streifung ist die milde, vorübergehende Variante.
Eine Hirnblutung ist die gefährlichere Form, bei der ein Gefäss reisst.

Erste Phase – Sicherheit und Stabilität

Die ersten Tage nach einem Hirnschlag dienen vor allem der medizinischen Stabilisierung. Im Spital wird der Kreislauf eng überwacht, die Durchblutung des Gehirns wiederhergestellt und mögliche Komplikationen werden früh erkannt. Ärztinnen und Ärzte setzen dafür gezielte Medikamente oder – falls nötig – schonende, minimalinvasive Eingriffe ein.

Sie können beruhigt sein: Ihre Angehörige oder Ihr Angehöriger befindet sich in einigen der fähigsten und erfahrensten Händen der Welt. Die Akutmedizin in der Schweiz gehört zu den international führenden Systemen – mit hoher Fachkompetenz, und modernster Technik.

Vom Spital zur Reha

Nach der Akutphase im Spital – meist ein bis zwei Wochen – folgt der Aufenthalt in einer Rehabilitationsklinik, der je nach Schweregrad zwischen drei und acht Wochen dauert.
In dieser Zeit verschiebt sich der Schwerpunkt von medizinischer Stabilisierung hin zum Wiederaufbau von Kraft, Beweglichkeit und Vertrauen.

Die ersten sechs Monate nach dem Schlaganfall sind besonders entscheidend: In dieser Phase macht das Gehirn den grössten Teil der Erholung.
Eine ruhige, strukturierte und unterstützende Umgebung hilft dem Gehirn, sich neu zu organisieren und möglichst viel Funktion zurückzugewinnen.

In dieser Phase kann es übrigens sehr hilfreich sein, ein Buch aus der Perspektive einer betroffenen Person zu lesen – beispielsweise „Mit einem Schlag“ von Jill Bolte Taylor.
Solche Einblicke machen das Verhalten Ihres Angehörigen verständlicher und helfen, den Blick von Sorge auf Verständnis zu lenken.

Was Angehörige vor der Rückkehr nach Hause wissen sollten

Der Übergang von der Reha nach Hause ist ein grosser Schritt – für die betroffene Person und die Familie.
Vieles lässt sich nicht im Voraus planen, aber gute Vorbereitung kann den Alltag erheblich erleichtern und unnötige Belastung verhindern.

Die folgenden Punkte sind geordnet von den dringendsten organisatorischen Themen bis zu den längerfristigen, emotionalen Aspekten.

Therapien frühzeitig organisieren

Vor allem Ergotherapie und Logopädie sind kurzfristig schwer zu bekommen.
Sobald das Entlassungsdatum feststeht, Termine mehrere Wochen im Voraus vereinbaren – viele Praxen haben Wartelisten.

Anschluss-Physiotherapie klären

Erkundigen Sie sich, ob die Therapie in einer ambulanten Praxis oder als Domizil-Physiotherapie (Hausbesuche) fortgesetzt wird.
Achten Sie darauf, dass die ärztliche Verordnung bereits vor der Entlassung vorliegt.

Frühzeitig Kontakt mit der Spitex aufnehmen

Die Spitex hilft bei Medikamenten, Wundpflege, Körperpflege und Alltagsunterstützung.
Anmeldung und Kostengutsprache benötigen meist einige Tage.

Frühzeitig Versicherungen kontaktieren

Bereits während der Reha lohnt es sich, Versicherungen zu kontaktieren oder die Sozialberatung der Klinik einzubeziehen.

  • Grundversicherung: Welche Therapien, Hilfsmittel und Spitex-Leistungen werden übernommen?


  • Zusatzversicherung: Oft Mitfinanzierung von Hilfsmitteln oder Wohnanpassungen.


  • Invalidenversicherung (IV): Frühzeitig anmelden Eine Liste mit Policennummern und Zusagen schafft Planungssicherheit und verhindert Verzögerungen.

Medikamentenplan und Nachsorgetermine sichern

Vor der Entlassung sollte ein schriftlicher Medikamentenplan vorliegen sowie Termine für die nächsten Arztbesuche.

Klären Sie, wer künftig die Verordnungen ausstellt.

Hilfsmittel und medizinische Geräte organisieren

Rollatoren, Rollstühle, Toilettensitzerhöhungen oder Transferhilfen. Diese werden in der Regel von der Krankenkasse übernommen, benötigen jedoch eine ärztliche Verordnung. Erkundigen Sie sich, welche Hilfsmittel oder Anpassungen – zum Beispiel ein elektrischer Rollstuhl, ein Badumbau oder ein Treppenlift – ganz oder teilweise erstattet werden.

Wohnumgebung vorbereiten

Beseitigen Sie Stolperfallen, verschieben Sie Möbel, montieren Sie Haltegriffe, Duschstühle oder rutschfeste Matten.

Eine Ergotherapeutin kann die Wohnung vorab begutachten.

Mahlzeiten und Einkäufe planen

Organisieren Sie Mahlzeitendienste oder sorgen Sie für einfache Vorräte.
Der Alltag nach der Reha ist anstrengender, als man denkt.

Unterstützung und Entlastung einplanen

Pflegende Angehörige unterschätzen oft die Belastung. Eine Teilzeit-Haushaltshilfe oder kurzzeitige Spitex-Unterstützung kann helfen, Überforderung zu vermeiden.

Langfristige Aspekte und emotionale Begleitung

Persönlichkeitsveränderungen sind möglich

Manche Betroffene wirken ruhiger, emotionaler oder reizbarer. Diese Veränderungen entstehen durch die Hirnverletzung und bilden sich oft wieder zurück.

Müdigkeit ist Teil der Heilung

Nach einem Schlaganfall entsteht eine besondere neurologische Erschöpfung – selbst kurze Gespräche können ermüden.

Regelmässige Ruhepausen gehören zur Therapie.

Denken und Wahrnehmung können schwanken

Aufmerksamkeit und Gedächtnis sind anfangs oft unbeständig. Klare Routinen und einfache Strukturen geben Sicherheit.

Sprache und Verständnis brauchen Zeit

Bei Aphasie ist das Denken unverändert – nur der Ausdruck ist erschwert.
Geduld und Blickkontakt sind hilfreicher als Korrekturen.

Stimmungsschwankungen sind normal und behandelbar

Etwa ein Drittel der Betroffenen entwickelt Depression oder Angst nach dem Schlaganfall.
Diese sind biologisch bedingt und gut behandelbar – frühe Hilfe wirkt vorbeugend.

Autofahren, Arbeit und Finanzen brauchen Geduld

Die Fahrtüchtigkeit muss ärztlich geprüft werden. Die IV oder AHV bietet finanzielle Unterstützung – die Sozialdienste der Klinik helfen bei der Anmeldung.

Partnerschaft und Nähe verändern sich

Rollen und Gewohnheiten verschieben sich. Offenheit und Gespräche über Grenzen und Bedürfnisse erleichtern die Anpassung.

Eine klare Tagesstruktur hilft

Feste Zeiten für Mahlzeiten, Bewegung und Ruhe geben Orientierung und unterstützen die Gehirnerholung.

Fortschritt ist oft unsichtbar, aber real

Selbst wenn wenig Veränderung spürbar ist, arbeitet das Gehirn weiter.
Was wie Stillstand aussieht, ist häufig Konsolidierung – neue Nervenbahnen festigen sich.

Wie es nach der Reha weiter geht

Je nach Situation, Mobilität und Wohnort wird Ihre geliebte Person nach dem Reha-Aufenthalt die Therapie fortsetzen – entweder in einer Physiotherapiepraxis oder zu Hause als Domizil-Physiotherapie.
Diese Behandlungen sind in der Schweiz vollständig durch die obligatorische Krankenversicherung gedeckt, sofern eine ärztliche Verordnung vorliegt.

Empfohlene Bücher für Angehörige

Wenn der erste Schock etwas abgeklungen ist und Sie die wichtigsten organisatorischen Dinge geregelt haben, lohnt es sich, eines der folgenden Bücher zu lesen.
Sie wurden von Menschen geschrieben, die selbst einen Schlaganfall erlebt haben – und vermitteln ein tiefes, authentisches Verständnis für das, was Ihr Angehöriger gerade durchmacht.

Empfehlungen:

  • Jill Bolte Taylor – „Mit einem Schlag“ (Original: My Stroke of Insight)

  • Robert McCrum – „Mein Jahr davor und danach“

  • Peter Schneider – „Rebell im Kopf“

Solche Bücher vermitteln Einblicke, die kein Arztbericht geben kann.
Durch Verständnis entsteht Geduld – und Sie sind besser darauf vorbereitet, Ihren geliebten Menschen mit Einfühlungsvermögen, Ruhe und Zuversicht auf seinem Weg zu begleiten.

Wenn Sie Unterstützung brauchen, sind wir für Sie da.

Nach einem Schlaganfall kommen viele organisatorische Fragen gleichzeitig auf – Therapien, Verordnungen, Spitex, Termine. Genau dabei unterstützen wir Familien täglich. Wer sich früh informiert und rechtzeitig organisiert, vermeidet nicht nur unnötige Wartezeiten, sondern verbessert auch die Chancen auf einen reibungslosen und erfolgreichen Heilungsverlauf. Wenn Sie möchten, helfen wir Ihnen, die Physiotherapie zu Hause einfach und zuverlässig zu planen, damit Ihre Angehörigen ohne Unterbruch weitermachen können. Ein kurzer Anruf oder eine Nachricht genügt – wir kümmern uns um den Rest.

 


Vielleicht gefällt es Ihnen auch Alle anzeigen

Was passiert nach der Reha?
Was passiert nach der Reha?
Mehr lesen