Ihre Mutter will nicht ins Pflegeheim – was nun?

Ihre Mutter will nicht ins Pflegeheim – was nun?

Immer wieder höre ich denselben Satz: „Sie will auf gar keinen Fall ins Heim.“
Als Physiotherapeut, der seit Jahren zu älteren Menschen nach Hause kommt, kenne ich die Sorgen, die hinter diesem Satz stecken – und die Fragen, die Familien sich oft nicht laut zu stellen trauen.


Die zwei entscheidenden Fragen

Will Ihre Mutter (oder Ihr Vater) selbst ins Pflegeheim?
Meistens: eindeutig nein.

Ist es noch sicher, wenn sie zu Hause bleiben?
Diese zweite Frage entscheidet letztlich – unabhängig davon, wie stark der Wunsch nach dem eigenen Zuhause ist.



Die klare Grenze: Wann Sicherheit nicht mehr gewährleistet ist

Es gibt Situationen, in denen auch die beste häusliche Unterstützung nicht mehr ausreicht, z. B.:

  • Schwere Demenz mit nächtlichem Umherirren, Panik oder Aggression

  • Wiederholte schwere Stürze trotz aller Hilfsmittel

  • Komplette Ablehnung von Pflege kombiniert mit schwerer Inkontinenz

  • Akute Selbst- oder Fremdgefährdung (vergessener Herd, Verlassen der Wohnung im Winter nachts barfuss)

Manche Familien entscheiden sich trotzdem, die Eltern zu Hause zu behalten – oft ziehen Kinder und Eltern wieder gemeinsam unter ein Dach.
Das ist eine sehr persönliche, oft kulturelle Entscheidung und verdient Respekt.

Aus medizinischer und pflegerischer Sicht ist ein gutes Pflegeheim in solchen Fällen jedoch häufig die verantwortungsvollere und langfristig entlastendere Lösung.
Sie ermöglicht es Ihnen, wieder Sohn oder Tochter zu sein – mit Ruhe und echter Nähe – statt rund um die Uhr Pflegekraft, Nachtwache und Sicherheitsdienst in einem.



Die grosse Grauzone – hier lässt sich am meisten gewinnen

Die meisten Menschen, die wir betreuen, befinden sich genau in dieser Grauzone: Es ist noch nicht dramatisch, aber auch nicht mehr ganz unbeschwert.

Solange Ihre Eltern noch bereit sind, ein bisschen mitzumachen – aufzustehen, Hilfe anzunehmen, kleine Übungen zu machen – lassen sich oft Jahre an sicherer und selbstbestimmter Zeit zu Hause gewinnen.


Was konkret hilft (und was tatsächlich funktioniert)


Physiotherapie zu Hause (1–2× pro Woche):
Gezieltes Training für Bein-Kraft, Gleichgewicht und Alltagsbewegungen. Viele unserer Patienten reduzieren ihr Sturzrisiko innerhalb weniger Wochen spürbar und gewinnen wieder Sicherheit beim Gehen, Treppensteigen und Aufstehen.

  • Spitex / ambulante Pflege: Unterstützung bei Medikamenten, Hygiene und medizinischer Pflege.

  • Mahlzeiten liefern lassen

  • Haushaltshilfe

  • Notrufsystem.

  • Kleine Anpassungen: Haltegriffe, rutschfeste Böden, bessere Beleuchtung.

In der Kombination entsteht ein stabiles Netz, das weder teuer noch kompliziert sein muss.



Warum regelmässige Physiotherapie zu Hause so wirkungsvoll ist

Weil wir Ihre Eltern über Monate oder Jahre begleiten, sehen wir Veränderungen oft früher als Angehörige: ein leicht unsicherer Stand, nachlassende Kraft, erste Anzeichen von Rückzug.

Gleichzeitig schaffen unsere Besuche Struktur, soziale Kontakte und Motivation.
Wir üben genau die Bewegungen, die im Alltag gebraucht werden – nicht Fitnessstudio-Übungen, sondern „sicher vom Sessel aufstehen“, „mit dem Rollator um die Ecke kommen“, „wieder alleine zur Toilette gehen“.

Je früher wir beginnen, desto grösser ist der Effekt. Selbst mit 85 oder 90 gibt es oft noch erstaunlich viel Verbesserungspotenzial.



Ein realistischer Blick aufs Altern

Wir werden alle älter – das lässt sich nicht verhandeln.
Aber wie lange wir selbstständig bleiben, hängt zu einem grossen Teil von Bewegung, Ernährung und frühem Gegensteuern ab.

Wer sein Leben lang ein bisschen auf sich achtet, bleibt oft bis 85+ fit.
Wer bereits mit 60 oder 70 stark eingeschränkt ist, hat oft 20–30 Jahre mit zunehmender Pflegebedürftigkeit vor sich.

Physiotherapie kann diese Kurve nicht umkehren, aber sie kann sie deutlich abflachen – und die Phase schwerer Abhängigkeit auf wenige Jahre oder manchmal nur Monate verkürzen.




So bleibt Ihre Mutter länger sicher zu Hause

Ein Pflegeheim ist nicht immer unvermeidlich – aber manchmal die verantwortungsvollste Lösung.

Zwischen völliger Selbstständigkeit und Heimaufenthalt gibt es eine breite Zone, in der gezielte Unterstützung den entscheidenden Unterschied macht.

Wenn Sie gerade spüren, dass sich etwas verändert, warten Sie nicht, bis der erste grosse Sturz oder Spitalaufenthalt kommt.

Ein unverbindliches Gespräch kostet nichts und bringt meist sofort Klarheit.

Denn länger sicher und gerne zu Hause zu bleiben, ist mit der richtigen Begleitung oft viel länger möglich, als man denkt.


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