Timed Up and Go Test (TUG): Auswertung & Normwerte

Timed Up and Go Test (TUG): Auswertung & Normwerte
Funktionelle Mobilität

Timed Up and Go Test: Was der TUG wirklich aussagt

Der Timed Up and Go Test ist kein Orakel. Aber gut durchgeführt ist er einer der schnellsten Wege, um funktionelle Mobilität sichtbar zu machen: Aufstehen, Gehen, Drehen, Zurückkommen, Hinsetzen. Entscheidend ist nicht nur die Zeit, sondern was während dieser Bewegung passiert.

3 m Gehstrecke bis zur Markierung und wieder zurück.
< 3 Min. In der Praxis schnell durchführbar, wenn der Aufbau klar ist.
12 s CDC STEADI nutzt diesen Wert als Fallrisiko-Screening bei älteren Erwachsenen.
Kontext Hilfsmittel, Gangbild, Sturzanamnese und Wohnumfeld gehören zur Interpretation.

Wofür der TUG stark ist

Der TUG misst funktionelle Mobilität unter Alltagsbedingungen. Er verbindet mehrere Aufgaben, die Patient:innen zuhause ständig brauchen: vom Stuhl aufstehen, losgehen, wenden, zurückgehen und kontrolliert absitzen.

Mobilität sichtbar machen

Eine reine Kraftmessung zeigt nicht, ob jemand sicher zur Küche, zum Bad oder zur Wohnungstür kommt. Der TUG bringt diese Übergänge in eine einfache, beobachtbare Sequenz.

Verlauf dokumentieren

Wird der Test gleich durchgeführt und gleich dokumentiert, kann er Veränderungen in Mobilität, Selbstständigkeit und Sicherheit im Verlauf gut sichtbar machen.

Risiko einordnen

Ein langsamer TUG kann auf erhöhtes Sturzrisiko hinweisen. Er ersetzt aber keine vollständige Beurteilung von Sturzanamnese, Gleichgewicht, Medikamenten, Kognition und Wohnumfeld.

Durchführung

Die Durchführung wirkt simpel. Genau deshalb lohnt sich sauberes Arbeiten: gleiche Stuhlhöhe, gleiche Distanz, gleiches Hilfsmittel, gleiche Instruktion.

Ausgangsposition Die Person sitzt mit dem Rücken am Stuhl. Ein stabiler Stuhl mit Armlehnen und etwa 46 cm Sitzhöhe ist üblich.
Markierung setzen Eine Linie wird 3 Meter entfernt markiert. Die Person trägt ihre normalen Schuhe und verwendet bei Bedarf ihr gewohntes Hilfsmittel.
Instruktion geben Auf "Los" steht die Person auf, geht in normalem Tempo zur Linie, dreht, geht zurück und setzt sich wieder hin.
Zeit messen und beobachten Die Zeit läuft ab "Los" und endet, wenn die Person wieder sitzt. Parallel werden Gangbild, Wenden, Gleichgewicht und Hilfsmittelgebrauch beobachtet.

Interpretation: Zahlen ja, Absolutheiten nein

Der häufigste Fehler beim TUG ist nicht die Messung, sondern die Überinterpretation. Die Zeit ist ein Einstieg in klinisches Denken, nicht das Ende der Beurteilung.

Wert Sinnvolle Aussage Klinische Vorsicht
< 10 s Spricht häufig für gute funktionelle Mobilität. Nicht automatisch "kein Sturzrisiko". Fallrisiko hängt auch von Anamnese, Umgebung, Medikamenten, Kognition und Tagesform ab.
10-12 s Bei vielen älteren Menschen noch im altersnahen Bereich. Bohannon fand Mittelwerte von 8.1 s, 9.2 s und 11.3 s für die Altersgruppen 60-69, 70-79 und 80-99 Jahre. Alter, Diagnose und Hilfsmittel dokumentieren. Ein einzelner Wert ist weniger wichtig als der Verlauf und das Bewegungsbild.
>= 12 s CDC STEADI nutzt diesen Wert als Hinweis auf erhöhtes Fallrisiko bei älteren Erwachsenen. Als Screening ernst nehmen, aber mit weiteren Befunden kombinieren.
>= 13.5 s Oft zitierter Cut-off aus Shumway-Cook et al. für community-dwelling older adults. Die spätere Meta-Analyse von Barry et al. fand: TUG ist eher besser zum "rule in" als zum "rule out" und sollte nicht isoliert verwendet werden.
> 20 s Spricht für funktionell relevante Mobilitätseinschränkung und Bedarf an genauerer Abklärung. Hier wird die qualitative Beobachtung besonders wichtig: Aufstehen, Gangstart, Wenden, Absitzen, Pausen, Unsicherheit.
>= 30 s Hinweis auf deutliche Einschränkung der Alltagsmobilität. Nicht als reine Sturzprognose formulieren. Besser: umfassende Mobilitäts-, Sicherheits- und Unterstützungsbeurteilung.
Empfohlene Formulierung: Der TUG misst funktionelle Mobilität und kann Hinweise auf Sturzrisiko geben. Er wird stark, wenn er mit Sturzanamnese, Gangbild, Kraft, Gleichgewicht, Kognition, Medikamenten, Blutdruck und Wohnumfeld zusammen interpretiert wird.

Was gute Physiotherapeut:innen sehen

Zwei Patient:innen können dieselbe TUG-Zeit haben und trotzdem völlig unterschiedliche Risiken, Ressourcen und Therapieziele. Im Hausbesuch wird das besonders deutlich, weil die Bewegung direkt im echten Umfeld stattfindet.

Wie gelingt der erste Impuls aus dem Stuhl? Ist der Gangstart sicher oder verzögert? Wie kontrolliert ist die Drehung? Wird das Hilfsmittel passend eingesetzt? Wie stabil ist das Absitzen? Passt das Ergebnis zum Alltag zuhause?

Der TUG ist nicht interessant, weil er kompliziert ist. Er ist interessant, weil er ehrliche Alltagsbewegung sichtbar macht.

Genau deshalb passt er gut zur Domizilphysiotherapie: Man testet nicht nur Bewegung, sondern Bewegung im Kontext.

Warum der Test zuhause besonders wertvoll wird

In einer Praxis ist der Boden eben, der Stuhl vorbereitet und der Weg frei. Zuhause sind die Dinge anders: Teppichkante, enger Flur, niedriger Lieblingssessel, Rollator im falschen Winkel, Unsicherheit beim Drehen im Bad.

Für Mittim ist der TUG deshalb kein isolierter Sekundenwert. Er ist ein Einstieg in konkrete Therapiefragen: Welcher Transfer ist wirklich relevant? Welche Gehstrecke muss wieder sicher werden? Wo entsteht das Risiko im Alltag? Welche kleine Veränderung im Umfeld bringt sofort mehr Sicherheit?

Datenlage in Kurzform

Die wichtigsten Zahlen sind nützlich, solange sie nicht als starre Wahrheit verkauft werden.

  • CDC STEADI: Der TUG dient der Mobilitätsbeurteilung; im CDC-TUG-Assessment gelten bei älteren Erwachsenen >= 12 Sekunden als Hinweis auf Fallrisiko im Screening.
  • Shumway-Cook et al. 2000: Die häufig zitierte 13.5-Sekunden-Grenze wird in klinischen Übersichten als Cut-off aus dieser Studie geführt.
  • Barry et al. 2014: Meta-Analyse mit begrenzter Vorhersagekraft des TUG für Stürze; TUG sollte nicht isoliert zur Fallrisiko-Einschätzung verwendet werden.
  • Bohannon 2006: Referenzwerte für gesunde ältere Erwachsene lagen im Mittel bei 8.1 s, 9.2 s und 11.3 s für 60-69, 70-79 und 80-99 Jahre.
  • Bischoff et al. 2003: Bei community-dwelling Frauen von 65-85 Jahren waren 92% unter 12 Sekunden; die Autor:innen empfehlen <= 12 Sekunden als praktischen Normalitätswert für diese Gruppe.
  • Shirley Ryan AbilityLab RehabMeasures: Cut-offs und Minimal Detectable Change unterscheiden sich je nach Population, zum Beispiel nach Schlaganfall oder bei Parkinson.
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